In der Finanzkrise ein gefragter Mann - Burkhard Balz aus Stadthagen ist neu im Europaparlament - und macht zur Zeit Karriere

Wäre Burkhard Balz Handwerksmeister, hätte er wohl auch den Einzug ins Europäische Parlament geschafft - und sich als Parlamentsneuling bei der Vergabe von Posten hinten anstellen müssen. Doch der Stadthäger ist Finanzexperte und Jurist. Diese Kombination macht den CDU-Mann in Zeiten der Wirtschaftskrise zu einem der Aufsteiger in der Fraktion der Europäischen Volkspartei.

Der 40-Jährige hat einen der begehrten drei Sitze der Christdemokraten im Ausschuss für Wirtschaft und Währung bekommen und ist sogar Vize-Sprecher dieses Gremiums. Zusätzlich ist er einziger deutscher CDU-Vertreter im Sonderausschuss zur Wirtschafts- und Finanzkrise. Der im Oktober gegründete und vorerst auf ein Jahr befristete Sonderausschuss soll im Auftrag des Europaparlaments die Ursachen der Krise ermitteln und Möglichkeiten dafür finden, dass sie sich möglichst nicht wiederholt.

Nach Ansicht seiner Fraktion ist Burkhard Balz der richtige Mann dafür: Nach einer Banklehre bei der Commerzbank in Hannover absolvierte er bis 2000 ein Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen. Dazu gehörten Auslandspraktika in Finanzunternehmen in Tokio und London. Im Anschluss absolvierte er das Trainee-Programm bei der Commerzbank und war 2001 und 2002 für das Geldinstitut Referent im Verbindungsbüro der Bank zur Europäischen Union in Brüssel. Nach dieser Zeit der Lobbyarbeit kehrte er nach Hannover zurück und übernahm als Abteilungsleiter die Betreuung der institutionellen Firmenkunden.

Doch erst seine Wahl zum Europaabgeordneten macht ihn derzeit zu einem international gefragten Ansprechpartner in Straßburg und Brüssel. "Die Spitzen der Finanzbranche aus mehreren europäischen Staaten haben sich bereits bei mir gemeldet", sagt Balz, und bei ihm klingt das nicht wie Angabe, sondern als sachliche Feststellung. Das Büro von Budeswirtschaftsminister Dr. Wolfgang Schäuble habe ebenfalls angerufen und ein Treffen für den Januar verabredet. Beinahe täglich sei er in Kontakt mit Staatssekretären und Abteilungsleitern diverser Ministerien des Landes und des Bundes. Im Dezember trifft sich Balz mit Ministerpräsident Christian Wulff in Brüssel, der alle niedersächsischen Abgeordneten zu einem Arbeitsessen eingladen hat. Auch in den Medien ist Balz ein gefragter Mann - von der "Süddeutschen" bis zum "Handelsblatt" habe es Interviewwünsche gegeben.

Balz sieht sich vor allem als Niedersachse und als Repräsentant der Landkreise Schaumburg, Nienburg, Diepholz, Hameln-Pyrmont sowie der Region Hannover. Für dieses große Gebiet ist er nämlich zuständig. Dass manche Europapolitiker in den vergangenen Jahren lediglich zu Wahlkampfzeiten auf Plakaten im Landkreis Nienburg zu sehen waren, will er nicht kommentieren. Dazu meint er nur: "Neue Leute bringen oft andere Ansätze mit. Ich will so viel wie möglich vor Ort sein."

Gestern machte er seinen Antrittsbesuch bei Nienburgs Landrat Heinrich Eggers, anschließend besuchte er die Stadtwerke Nienburg, um mit Geschäftsführer Manfred Bertram über energiepolitische Fragen zu diskutieren. "Man wird mich bestimmt in den nächsten Monaten auch bei dem einen oder anderen Volksfest sehen", verspricht Balz. Er sieht sein Wirken nicht als Einbahnstraße: "Sicherlich habe ich manchmal einen Informationsvorsprung und kann Behörden oder Institutionen Hinweise geben. Aber ich bin auch darauf angewiesen zu erfahren, wenn es in der Heimat etwas Neues oder Probleme gibt."

Insgesamt drei Büros samt Mitarbeiterstab unterhält Balz: in Stadthagen, Hannover und in Brüssel. Er hat viel zu tun und wenig Zeit - auch für seine Frau Susanne und den achtjährigen Sohn Carlos: "Selbstverständlich habe ich vor meiner Kandidatur intensiv mit meiner Frau darüber diskutiert, wie sich unser Familienleben verändern wird." Wichtig sei ihm, trotz der vielen Termine im In- und Ausland bestimmte Rituale aufrecht zu erhalten: "Einmal pro Woche gehe ich mit Carlos im 'Tropicana' in Stadthagen schwimmen." Um das beizubehalten, sei Organisationstalent gefragt: "Ich versuche, während der Straßburg-Wochen wenigstens von Freitag bis Montag in der hiesigen Region zu sein." Zwölf Wochen pro Jahr tagt das Europaparlament in Straßburg. Hinzu kommen etwa 30 Ausschuss- und Fraktionssitzungen in Brüssel: "Das ist schon ein wenig mehr als im Landtag oder Bundestag", meint Balz. Außderdem dürfte man nicht vergessen, dass die langen Fahrten zwischen Heimat und Arbeitsorten viel Zeit beanspruchten.

Inzwischen habe er sich in Brüssel gut eingelebt: "Es war für mich eine Rückkehr, ich kannte die Stadt ja bereits." Dort gebe es eine gute Zusammenarbeit der deutschen Abgeordneten über Fraktionsgrenzen hinweg: "Das funktoniert mit FDP, SPD und Grünen wirklich gut, nur mit der Linken habe ich noch nicht gesprochen." Es sei wichtig, als Deutsche oder innerhalb der Ländergruppen zusammenzuarbeiten: "Bei Abgeordneten aus anderen Staaten ist das noch viel extrmer ausgeprägt - die stellen die nationalen Interessen oft über die Fraktionsmeinung."

Verfasst am 28.11.2009 von Holger Lachnit, Die HARKE - Nienburger Tageszeitung

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